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Zweige: den böhmisch-mährischen, mitteldeutschen, englischen und
amerikanischen aufteilte. Außerhalb Böhmens und Mährens wurden
die Brüdergemeinden überall als deutsch angesprochen und
behandelt. Ihr gesamtes geistiges und literarisches Streben verlief in
ausnahmslos religiösen Bahnen.

* Gleich den glagolitisch beeinflußten Angehörigen des mittleren und
niederen Klerus bemühten sich auch hussitische Orthodoxe
weiterhin, eine spalterische Kirchensprache durchzusetzen. Ihre
ersten Versuche, eine Angleichung an die Volkssprache zu
erreichen, nahmen im Jahr 1483 ihren Anfang. Nach dem Trienter
Konzil (1545-63) gerieten diese Bestrebungen unter russischen
Einfluß. Die breite Masse des Volkes allerdings blieb von derartigen
Experimenten intellektueller Sektierer weitestgehend unberührt. Adel
und Bürgertum zeigten ebenfalls wenig Verständnis und kümmerten
sich nicht um „hussitische Hirngespinste"; auch dann nicht, wenn sie
selbst Utraquisten waren. Schriften, wie etwa die Kralitzer
Bibelübersetzung, wurden als Kuriosum zur Kenntnis genommen; ihr
Inhalt interessierte höchstens Gelehrte. Bauern und Knechte waren
des Lesens und Schreibens in keiner Sprache kundig; Gutsherren,
Handelsleute und Gewerbetreibende beherrschten bestenfalls die
deutschsprachige Schrift; gebildete Aristokraten pflegten ihre
Deutsch- und Latein-Kenntnisse; und die wenigen, starr hussitisch
gesinnten Magister und Studenten befanden sich einschließlich der
glagolitischen Kleriker in verschwindender Minderzahl.

* Das Hussitentum bekämpfte Kirche und Deutschtum, weil beide
weltanschaulich dieselben christlichen, kulturellen und
zivilisatorischen Ziele verfolgten und sich gemeinsam auf den Boden
des von den Hussiten negierten römischen Rechts, der Kultur und
der Zivilisation stellten (Vgl. Msgr. Dr. Emanuel Reichenberger!).

* Ortliche Bevölkerungsverschiebungen in Böhmen — übrigens zum
Schaden des ganzen Landes — stellten sich als unmittelbare
Begleiterscheinungen der taboritischen Schrek-kenszeit ein. In die
ausgemordeten und verödeten Bezirke, die vorher von
ordnungsliebenden und fleißigen katholischen Deutschböhmen
bewohnt waren, rückten hussitisch gesinnte Besitzlose und
verwildertes Volk ein. Nicht wenig trug aber

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auch der Hochadel zu Umschichtungen bei; er bereicherte sich auf
Kosten des Landesherrn, der Städte, des niederen Ritterstandes und der
Bauern. Eine Vielzahl ehedem freier deutscher Bauern verstärkte das
Heer der Fronenden und Leibeigenen. Die große Not der Bauernschaft
wurde erst 1781 merklich gelindert. Das Volksbefreiungspatent Kaiser
Josefs IL, des Deutschen, hob Leibeigenschaft und gutsherrliche
Gerichtsbarkeit auf, schränkte die Robot ein und ermöglichte den
Bauernsöhnen eine schulische Ausbildung sowie den Besuch der
Universitäten. Josefs Maßnahme betraf nicht nur Böhmen, sondern alle
deuts c h e n Länder der habsburgischen Hausmacht. * Wie wenig auch
eingefleischte tschechophile Wortführer der Vergangenheit an den
deutschen Kultur- und Wirtschaftsleistungen vorbeigehen konnten,
beweisen zwei Beispiele: Prof. Tomas Masaryk schrieb 1894 in seinem
Buch „Die tschechische Frage": „Trotz allem Enthusiasmus für die
Russen und Slawen und trotz allem Widerstreit mit den Deutschen sind
doch die Deutschen unsere tatsächlichen Lehrmeister." Prof. J. Pekar,
ein heißer Verfechter des neotschechischen Standpunktes, machte in
seinem Buch „Vom Sinn der tschechischen Geschichte" das
Zugeständnis: „Die Aufzählung dessen, was die Deutschen auf unserem
Boden geleistet haben, ist sehr umfangreich. Der Städtebau und damit
im Zusammenhang die geistige und wirtschaftliche Machtentfaltung
sowie der Reichtum des Landes waren wesentlich das Werk der
Deutschen. Wenn die Tschechen wirtschaftlich, in der Administrative
und in der Arbeitsleistung fähiger als die anderen östlichen Völker
sind, so verdanken wir das vor allem der deutschen Erziehung." *
Während in weiten Gebieten Böhmens und Mährens die
hochdeutsche Sprache den gleichen Formwandlungen unterworfen war,
die aus dem gesamten süd- und mitteldeutschen Raum bekannt sind,
hielt sich daneben seit der 2. Lautverschiebung noch ein
Dialektgemengsel aus gotischen und suebischen Elementen, das
sich von den geschlossenen mittel bayrischen (Südböhmen und
Südmähren), nordbayrischen (nördl. Böhmerwald und Egerland bis
Joachimstal-Duppau), ostfränkischen (anschl. Nordwestböhmen bis
Brüx), obersächsischen (anschl. Nordböhmen bis Leipa) und schle-
sischen (restl. Nordböhmen einschl. Sudetenostteil) Mundartgruppen
abhob und regional ein verschiedenartiges Eigen-

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