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Finanzmetropole Berlin
Strategien betrieblicher
Transformation

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KSPW: Transformationsprozesse
Schriftenreihe der Kommission
für die Erforschung des sozialen und politischen Wandels
in den neuen Bundesländern e.V. (KSPW)

Herausgegeben vom Vorstand der KSPW:
Hans Bertram, Hildegard Maria Nickel,
Oskar Niedermayer, Gisela Tromrnsdorff

Band 26

Die Veröffentlichungen der Kommission zur Erforschung des
sozialen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern
(KSPW) umfassen folgende drei Reihen:

- Berichte zum sozialen und politischen Wandel
in Ostdeutschland

- Beiträge zu den Berichten
- Reihe "Transformationsprozesse"

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übernommenen Beschäftigten bearbeiteten und Leiterinnen mit dem Hinweis
auf mangelnde Qualifikation abgestuft wurden. Allein die Aufrechterhaltung
des Kundenkontaktes, schon kaum noch der qualifizierte Umgang mit dem
Kunden, war Bestandteil eines exklusiven Wissens der MitarbeiterInnen der
Ost-Sparkasse. Den Umbruch haben manche so erfahren:

"Der Kunde kommt, sagt: »Ich möchte eine Auszahlung haben«. Hm! Ja, wie sieht eine
Auszahlung aus? Ja, die waren ganz anders, die Vordrucke. Ja, ab wann muß ich denn das
kontrollieren und ab wann darf ich denn auszahlen? ... Kasse habe ich früher immer ge-
macht. NICHTS konnte ich." (03411)

Das Erfahrungswissen der ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen im Um-
gang mit Ost-Kunden und das Vermögen, den (als kritisch und unwissend
eingeschätzten) Ost-Kunden aufgrund gleicher Herkunft leichter Verkaufs-
offerten unterbreiten zu können als West-KollegInnen, wurden schnell ob-
solet und von einer auf die finanziellen Potentiale des Kunden ausgerichte-
ten Verkaufsstrategie verdrängt.

Die berufliche Assimilation gelang - wie oben angedeutet - den jungen
(Ost-)Beschäftigten leichter als ihren älteren Kolleginnen und Kollegen. Sie
waren flexibler im Erlernen berufsfachlicher und sozial-normativer Orientie-
rungen. Damit war ihre Integration einer "normalen" beruflichen Sozialisati-
on vergleichbar. In diesem Zusammenhang deuteten sich Spannungen zwi-
schen den asynchronen beruflichen (Neu-) Verortungen der älteren Beschäf-
tigten und den andererseits karrierebewußteren jüngeren Kolleginnen und
Kollegen an. Eine leitende Mitarbeiterin stellte fest:

,,Es gibt schon eine Generation, die kein Verständnis mehr hat für (Dinge, für die) sie
mehr Verständnis haben sollte. ( ... ) Die kehren mehr den Ellenbogen raus, weil die Luft
dünner wird und das Bedürfnis da ist, hochzuklettem auf dieser engen Leiter. So schnell
wie man früher geglaubt hat, daß alles richtig ist, so glaubt man das jetzt wieder. ( ... )
Meine Leiterin - was soll die hier, so eine Alte, die war bestimmt in der Partei, sowas in
der Art." (007/5)

Die übernommenen Ost-Beschäftigten gerieten jetzt zusehends unter den
Druck der jüngeren, neueingestellten Beschäftigten. Letztere, ausgestattet
mit "vollwertigen", d.h. nicht bloß "gleichgestellten" bzw. "nachgeholten"
Qualifikationsabschlüssen, konnten ihre Karriereorientierungen auf Kosten
ihrer älteren Kolleginnen durchsetzen. Gerade die von uns befragten jünge-
ren West-Männer nehmen die Überbelastungen der Ost-Kolleginnen oft
nicht wahr. Für sie stellte sich die bestehende Ausbildungskette als selbst-
verständlicher und als ein von allen zu bewältigender Karrierepfad dar.

,,Also ich finde .. , die Möglichkeiten erst mal sehr gut, weil sie vielfältig vorhanden sind
und eigentlich auch für jeden machbar sind." (035/2)

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2. Die Betriebsfallstudie Landesbank Berlin (LBB) 159

Die wenigen Ost-Männer, die in der Ost-Sparkasse beschäftigt waren, er-
lebten die Qualifizierung differenzierter. Sie durchliefen Qualifizierungs-
und Karriereschleifen und hatten zu Beginn offenbar auch Schwierigkeiten
in der Aufgabenbewältigung, ohne jedoch ihren Optimismus zu verlieren.
Ein Ost-Kollege, anfangs durch die Prüfung des Kundenberaterlehrgangs
gefallen, stellte fest, er könne sich jetzt

"... in Gesprächen mit Beratern, die man in der Zwischenzeit kennt, ... Informationen
holen. Da habe ich schlicht und einfach gemerkt, daß ich mich mit meinen Bemühungen
zu Hause in die falsche Richtung bewegt habe. Und da wird man sicherlich beim nächsten
Lehrgang nicht dieselben Fehler noch mal machen, und darum gehe ich da auch optimi-
stisch ran." (021/1)

Abhängig war die mentale Verarbeitung der Qualifizierungszeit in erhebli-
chem Umfange vom Verhalten der West-Führungskräfte. Auf die Frage, wie
die Kolleginnen das Qualifizierungsprogramm bewältigt hätten, antwortete
beispielsweise eine Mitarbeiterin:

"Sehr unterschiedlich. Es kommt dabei mit Sicherheit auch auf das Verhalten der Wessis
an, die mit rübergingen, denn die haben sich auch nicht immer fein benommen. Die haben
also teilweise nach dem Motto gearbeitet: Ich bin der Fachmann und ihr könnt sowieso
nichts." (04411)

Anscheinend trug diese Haltung einiger West-Führungskräfte dazu bei, daß
sich rasch Segmentationen zwischen denen, die Willens und in der Lage
waren, die Qualifizierungsschritte zu gehen, und denjenigen, die durch Bela-
stungen aus dem sozialen Umfeld die Strapazen zusätzlicher Weiterbildung
nicht auf sich nehmen konnten, verfestigten. Ein Mitarbeiter stellte fest:

,,Es ist halt schon so, daß man ein bißchen Initiative auch selbst ergreifen muß. Also es
gibt zwar Filialleiter, die einen drängen »gehen sie mal dahin«, aber es gibt auch manche,
wenn man nichts sagt, dann sagen die halt auch nichts." (035/2)

West-Führungskräfte haben angesichts der Dynamik dieser Periode häufig
die Notwendigkeit einer eher bedächtigen Neubestimmung der beruflichen
Ziele und Fähigkeiten der übernommenen Beschäftigten ignoriert. So trugen
Vorgesetzte an Ost-Beschäftigte die Erwartungshaltung heran, sich frühzei-
tig in der neuen Arbeitsorganisation, die diese noch kaum durchschauten, zu
plazieren. Konfrontiert mit dem Neuen in Beruf und Alltagsleben, zeigten
die Ost-Beschäftigten zunächst jedoch erhebliche" Orientierungs probleme "
(007/1), die sich für die Führungskräfte wiederum in den Einsatzgesprächen
über die kurz- und mittelfristigen Berufsziele als persönliches Defizit von
Ost-KollegInnen offenbarten.

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Autorinnen und Autoren

Behrens, (geh. Grüner), Silke, Dipl. Soz., geb. 1968. Von 1991-1996 Studi-
um der Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Stu-
dentische Mitarbeiterin im KSPW-Projekt "Finanzdienstleistungsbeschäfti-
gung im Umbruch". Seit Herbst 1996 Trainee bei der EKO Stahl GmbH
Eisenhüttenstadt. Arbeitschwerpunkte: Personal- und Organisationsentwick-
lung.

Frey, Michael, Dipl. SOl.., geb. 1968. Seit 1993 Studium der Sozialwissen-
schaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Studentischer Mitarbeiter
im KSPW-Projekt ,,Finanzdienstleistungsbeschäftigung im Umbruch". Seit
Mitte 1997 Mitarbeiter im DFG-Projekt ,,Frauen im betrieblichen Transfor-
mationsprozeß". Studien- und Arbeitsschwerpunkte: Arbeits- und Betriebs-
soziologie, betriebliche und industrielle Arbeitsbeziehungen, Arbeits- und
Sozialpolitik, Frauenerwerbsarbeit.

Hüning, Hasko, Dipl. Pol., geb. 1943. Von 1970-1996 wissenschaftlicher
Angestellter am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung (ZI
SoWiFo); seit 1996 am Fachbereich Politische Wissenschaft, WE 2, For-
schungsstelle Transformation der Freien Universität Berlin. Arbeitsschwer-
punkte: DDR- und Deutschlandforschung, Transformationsprozesse ökono-
misch-sozialer Strukturen und Parteien.

Nickel, Hildegard Maria, geb. 1948. Professorin an der Humboldt-Universi-
tät zu Berlin. 1968-1972 Studium der Kulturwissenschaften an der Hum-
boldt-Universität zu Berlin. 1972-1976 Forschungsstudium der Soziologie
an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1977 Promotion, 1986 Dr. sc., 1977-
1987 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Bildungssoziologie an
der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR. Seit 1987 am
Institut für Soziologie der Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische
Fakultät III, und ab 1993 wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für inter-
disziplinäre Frauenforschung (ZiF) an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Arbeitsschwerpunkte: Soziologie der Geschlechterverhältnisse, Frauener-
werbsarbeit, Transformation des Dienstleistungssektors.

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Peinl, Iris, Dr. phi!., geb. 1955. 1973-1977 Studium der Philosophie an der
Karl-Marx-Universität Leipzig, danach wissenschaftliche Mitarbeiterin an
der Humboldt-Universität zu Berlin und dem Institut für Soziologie und
Sozialpolitik der AdW der DDR. Seit 1991 bei KAI e.V. und der Humboldt-
Universität zu Berlin (empirische) Forschungen zum Bereich Geschlechter-
verhältnisse und Transformationsprozesse - u.a. als Mitarbeiterin in dem
KSPW-Projekt ,,Finanzdienstleistungsbeschäftigung im Umbruch" und seit
Anfang 1996 in dem DFG-Projekt "Frauen im betrieblichen Transformati-
onsprozeß".

Stock, Catrin, Dipl. Soz., geb. 1962,. Studium der Soziologie an der Martin-
Luther-Universität Halle-Wittenberg. 1987-1990 wissenschaftliche Mitar-
beiterin am Zentralen Forschungsinstitut des Verkehrswesens der DDR, von
1990-1993 in der Ingenieurgesellschaft Verkehr Berlin GmbH. Wissen-
schaftliche Mitarbeiterin im KSPW -Projekt "Finanzdienstleistungsbeschäfti-
gung im Umbruch". 1996 Studienaufenthalt in StanfordlUSA. Seit 1997 Ge-
schäftsführerin und Projektrnanagerin in einer GBR. Arbeitsschwerpunkte:
Arbeits-, Betriebs- und Organisationssoziologie.

Struck-Möbbeck, Olaf, Dr. phil., geb.1964. Studium der Soziologie an der
Universität Bremen, danach Stipendiat im Graduiertenkolleg ,,Lebenslauf
und Sozialpolitik" der Universität Bremen, 1995 Promotion. Von 1993 bis
1995 Assistent am Lehrstuhl Jugend, Familie und Geschlechtersoziologie an
der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1996 Mitarbeiter am Sonderfor-
schungsbereich 186 "Risikolagen und Statusanpassungen im Lebensverlauf'
der Universität Bremen. Forschungsschwerpunkte: Arbeits- und Berufsso-
ziologie, Transformationsforschung.

Wagner, Sandra" Dipl. Soz., geb. 1971, Studium der Sozialwissenschaften
an der Humboldt-Universität zu Berlin. Studentische Mitarbeiterin im
KSPW-Projekt ,,Finanzdienstleistungsbeschäftigung im Umbruch". Seit
1996 Honorarkraft am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Projekt
"Ostdeutsche Lebensverläufe im Transformationsprozeß". Arbeitsschwer-
punkte: Arbeits- und Betriebssoziologie, Transformationsforschung, Frauen-
erwerbsarbeit.

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