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DIE ZEIT
W O C H E N Z E I T U N G F Ü R P O L I T I K W I R T S C H A F T W I S S E N U N D K U L T U R

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EXTREMISMUS

Die Enthauptung eines französischen Lehrers geht ganz Europa etwas an.
Der Islamismus muss in die Schranken gewiesen werden VON ULRICH LADURNER

Terror wirkt

E
in Islamist hat den französischen
Lehrer Samuel Paty enthauptet.
Nun heißt es, Frankreich sei ein
Sonderfall: Frankreich habe eine
unaufgearbeitete koloniale Ver-
gangenheit. Muslime würden

dort diskriminiert. Der französische Staat sei
blind und taub gegenüber den religiösen und
spirituellen Bedürfnissen seiner jungen Bürger
und Bürgerinnen. Das mag alles sein. Doch
wahr ist auch: Die Enthauptung Patys ist kein
französisches Problem. Sie ist ein europäisches
Problem, weil der Islamismus Europa den Krieg
erklärt hat.

Diese Ideologie ist in vielen muslimischen
Ländern Staatsreligion, im Iran, in Saudi-
Arabien, in Pakistan. Sie erträgt keine Trennung
zwischen Staat und Religion, sie stellt religiöse
Gesetze über weltliche, sie erträgt Glaubens-
und Meinungsfreiheit nicht. Der Islamismus ist
seiner Natur nach totalitär. Um seinen Willen
durchzusetzen, ist er bereit zur Gewalt. Daher
ist er der Todfeind des freiheitlichen Europas.
Paty starb, weil er seinen Schülern vermitteln
wollte, was es bedeutet, frei zu sein: zu glauben,
was man will, zu sagen, was man meint, ohne
Angst zu haben. Paty ging dem Vernehmen
nach sehr behutsam vor. Er nahm Rücksicht
auf die Gefühle seiner Schüler und Schülerin-
nen. Das Leben hat ihm das nicht gerettet.

Seine Enthauptung auf offener Straße ist nur
der letzte Höhepunkt einer gewalttätigen Kam-
pagne, die seit Jahren eine blutige Spur durch
Europa zieht. Frankreich hat seit 2015 über 250
Opfer islamistischen Terrors zu beklagen, doch
auch in Spanien, Belgien, den Niederlanden und
in Deutschland starben in den letzten Jahren
Menschen durch die Hand von Islamisten.

Die Finanzquellen des politischen
Islams trockenlegen

Ausländische Kräfte fördern den Islamismus
hierzulande. Dazu zählen allen voran der türki-
sche Präsident Recep Tayyip Erdoğan, das sau-
dische Königshaus, die iranischen Ajatollahs.
Sosehr sie sich auch unterscheiden, sie nutzen
jede Gelegenheit, in Europa an Einfluss zu
gewinnen. Für sie ist Europa ein Spielfeld. Sie
exportieren hierher ihre demokratiefeindliche
Politik. Es ist höchste Zeit, sie zurückzudrängen.
Das kann auf vielen Ebenen geschehen. Auslän-

dische Finanzquellen für Vereine, die sich dem
politischen Islam verschrieben haben, trockenzu-
legen wäre ein erster Schritt. Das betrifft auch
Islamverbände in Deutschland wie etwa die Ditib,
die zu einem großen Teil aus der Türkei finanziert
und gesteuert wird. Männer wie Erdoğan sind
natürlich nicht für die Enthauptung Samuel Patys
verantwortlich, aber sie fördern Extremisten und
vergiften das politische Klima.

In Europa gibt es Platz für die Weltreligion
Islam. Für gewalttätige politische Islamisten gibt
es ihn nicht. Wer Hass predigt, egal ob ein Imam
in einer europäischen Moschee oder der türki-
sche Präsident, der muss endlich in die Schran-
ken gewiesen werden. Sonst gelingt den Islamis-
ten, was sie seit Jahren versuchen: den europäi-
schen Islam zu prägen.

Terror wirkt. Oder wollte jemand behaupten,
nach dem Mord an Paty könne er Meinungs- und
Glaubensfreiheit ohne flaues Gefühl im Magen
unterrichten? Der französische Premierminister
Jean Castex erklärte nach der Bluttat: »Wir werden
alles tun, um unsere Lehrer zu schützen!« Das war
das bittere Eingeständnis, dass Lehrer in Zeiten des
islamistischen Terrors zu einem Hochrisikoberuf
geworden ist. Auch in Deutschland haben Lehrer
oft genug mit aggressiven Schülern zu kämpfen,
die offen ihre Verachtung für unser freiheitliches
System zeigen. Die Szene der Salafisten, islamischer
Fundamentalisten, ist in Deutschland auf 12.000
Anhänger angewachsen. Die große Mehrheit der
europäischen Muslime lehnt Gewalt strikt ab. Die
Zeichen für einen religiös begründeten Separatis-
mus allerdings sind beunruhigend. Doch Einheit
in Vielfalt, das ist Europas Wesenskern. Ihn gilt es
zu verteidigen.

Terror führt zu Einschüchterung, er führt
dazu, dass wir relativieren, verharmlosen, zurück-
weichen. Schritt für Schritt erodieren so die Fun-
damente unserer freiheitlichen Gesellschaft.

Kritik am Islamismus und am politischen
Islam wird schnell als Islamophobie denunziert.
Das ist die Strategie der Islamisten: Sie bringen
Kritiker gezielt in den Verdacht, Islamhasser zu
sein, sie rücken sie in die Nähe des Rechtsextre-
mismus, sie unterbinden eine offene Diskussion
über die Gefahren des politischen Islams.

Doch die Demokratie muss wehrhaft sein,
wenn sie überleben will. Und sich zu wehren
beginnt damit, zu benennen, was ist.

www.zeit.deevorgelesen�

ALEXEJ NAWALNY

So viele Russen stehen auf der neuen EU-Sanktionsliste. Klingt nach wenig,
könnte aber die Wende in der Russland-Politik sein VON ALICE BOTA

Was, nur sieben?

W
as sind schon sieben Na-
men, gemessen daran, dass
der Oppositionspolitiker
Alexej Nawalny in Russ-
land mit einem der gefähr-
lichsten Nervenkampfstoffe

vergiftet wurde? Als Russland 2014 die Krim
annektierte und seine Soldaten in die Ostukrai-
ne schickte, hat die EU immerhin zig Russen,
einige staatliche Unternehmen und ein paar
Banken mit Sanktionen belegt. Und nun hat sie
nicht mehr zu bieten, als sieben Russen und ein
Chemie-Institut auf die Liste zu setzen?

Man sollte sich nicht täuschen. Denn es
kommt nicht darauf an, wie viele Menschen von
den Sanktionen betroffen sind, sondern wer. Auf
der Liste finden sich auch engere Gefolgsleute
von Wladimir Putin, etwa der Geschäftsmann
Jewgenij Prigoschin, der mit seinen Millionen
Trollfabriken und Söldner finanziert. Oder der
stellvertretende Leiter der Kreml-Verwaltung.
Klar ist das nicht mehr als Symbolik – die der
Kreml jedoch ziemlich genau versteht. Nur
Deutschland versteht er nicht mehr. Er hat die
Ungeduld der Angela Merkel nicht vor her ge-
sehen. Man schien sich sicher, auch dieses Mal
davonzukommen.

Endpunkt einer langen
politischen Entfremdung

Dabei ist es nicht so, als sei die Reaktion auf die
Vergiftung von Alexej Nawalny eine politische
Eruption. Sie ist der vorläufige Endpunkt einer
langen politischen Entfremdung, die 2014 mit
der Annexion der Krim und dem Krieg in der
Ostukraine ihren Anfang nahm. Die weiterging
mit dem russischen Nowitschok-Anschlag auf
den Doppelagenten Sergej Skripal im englischen
Salisbury, mit den Hacker-Angriffen auf den
Bundestag, mit dem Mord an einem Georgier
mitten in Berlin, der von staatlichen Stellen in
Russland in Auftrag gegeben worden sein soll.
Trotz all dieser politischen Krisen haben die
Deutschen weiterhin die russischen Interessen
für die EU übersetzt – bis jetzt.

Etwas dreht sich. Deutschland übersetzt nun
den Russen jenen Frust, der sich in der EU breit-
macht. Mehr noch: Die Bundesregierung ist die
treibende Kraft bei diesen Sanktionen. Denn der
Anschlag auf Alexej Nawalny, flankiert von
dreisten Lügen und Anschuldigungen russischer

Regierungspolitiker, ist für die deutsche Seite das
eine Vergehen zu viel.

Selbst wenn Wladimir Putin nichts mit der
Tat zu tun hat – der Kreml macht sich nun zum
Komplizen. Statt auf Ermittlungen zu bestehen,
behaupten russische Regierungspolitiker, dass
Russland nie Nowitschok besessen habe, um im
nächsten Atemzug zu versichern, dass man den
Kampfstoff längst vernichtet habe. Werfen der
deutschen Seite vor, Rechtshilfegesuche zu ver-
schleppen; insinuieren, der Anschlag sei eine
westliche, antirussische Provokation. Dass Alexej
Nawalny gar nicht vergiftet worden sei, sondern
an einer Stoffwechselstörung leide, dass er sich
selbst vergiftet haben könnte.

Die politische Wende der Bundesregierung, die
sich nun andeutet – sie steht und fällt keineswegs
mit dem Stopp der fast fertiggestellten Pipe line
Nord Stream 2, die russisches Gas nach Deutsch-
land bringen soll. Ja, es war ein politischer Fehler,
dass die Bundesregierung dieses Projekt zugelassen
hat. Doch jetzt geht es darum, sich künftig genau
diese politische Naivität nicht zu erlauben, die
Nord Stream 2 erst möglich gemacht hat.

Wie ernst es den Europäern nun wirklich ist,
ob die Sanktionen »halbherzig« sind, wie einige
kritisieren, wird sich daran zeigen, wie sie umge-
setzt werden. Westliche Unternehmen haben noch
immer Wege gefunden, geltende Verbote zu
umgehen. Sanktionierte Oligarchen überschrei-
ben ihre Firmen einfach den Schwiegersöhnen
oder bringen ihr Geld mithilfe westlicher Banken
auf Offshore-Inseln in Sicherheit. Selbst perso-
nelle Sanktionen wurden in der Vergangenheit
umgangen, und zwar ganz offiziell: Kreml-Berater
Wladislaw Surkow saß schon in Paris und in
Berlin am Verhandlungstisch, obwohl er aufgrund
von Sanktionen eigentlich nicht reisen darf.

Auch in Deutschland flüstert eine Lobby,
bestehend aus einem ehemaligen Bundeskanzler,
nostalgischen Sozialdemokraten, AfD- sowie
Linken-Politikern und Wirtschaftsleuten, ohne
gute Beziehungen zum Kreml gehe nichts. Doch
eines sollte man sich nicht einreden lassen: dass
die Sanktionen das Verhältnis zu Russland zer-
stören. Sie führen keine Krise herbei, sie sind
Ausdruck einer Krise. Auch wenn der russische
Außenminister nun mit einem Ende des Dialogs
mit der EU droht – keine Sorge, der wird weiter-
gehen. Nur eben ohne Illusionen.

www.zeit.deevorgelesen�

Körperkirche

Das erste
Weltgericht

75 Jahre Nürnberger
Prozesse: Die letzten

Augenzeugen erzählen
Dossier, S. 15

64 Seiten ZEIT Abitur:
Wovon Jugendliche

träumen und wofür sie
jetzt kämpfen

Fünf Wochen
im Koma

»Wir sind keine
Last, wir sind

eure Zukunft!«

Wie Katharina Wagner
nach ihrer Krankheit die
Zukunft Bayreuths sieht

Feuilleton, S. 53

PROMINENT IGNORIERT

Weil in Polen alle Schwimmbäder
und Sportstätten geschlossen
bleiben müssen, die Kirchen
jedoch geöffnet sind, hat sich ein
Fitnessclub in Krakau zur »Kirche
des gesunden Körpers« erklärt.
Das ist nur scheinbar schlau,
denn der Gott des Sports ist gna-
denlos. Wer sich in seinem Dienst
bis zur Erschöpfung gequält hat,
wird ein katholisches Hochamt
als Labsal empfinden. GRN.

Kl. Bilder (v.o.): Robert D’Addario/Stadtarchiv
Nürnberg/A65/II Nr. RA-45-D; Marzena Skubatz
für DIE ZEIT; Photo Alto Agency RF Collections/

Getty Images

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44

PREISE IM AUSLAND:
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Telefon 040 e 32 80 - 0; E-Mail:
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Fax 040 e 42 23 70 90,

E-Mail: [email protected]

75. JAHRGANG C 7451 C

No 44

Die nächsten Wochen sind entscheidend: Was schützt
jetzt vor Corona – und der großen Angst? Es helfen keine

panischen Appelle. Und das Kleinreden sowieso nicht.
Was dann? POLITIK , WIRTSCHAFT UND WISSEN

Kriegen wir
die Kurve noch?

22. OKTOBER 2020 No 44PREIS DEUTSCHLAND 5,70 €

Gratis
Hörbuch
zum Download

109141_ANZ_48x35_X4_ONP26 1 16.10.20 13:45

Eugen Ruge
»In Zeiten des
abnehmenden Lichts«
Link auf Seite 14

109141_ANZ_48x35_X4_ONP26 2 16.10.20 13:45

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Wie radikal darf Politik sein? Und können Kompromisse
den Klimawandel stoppen? Ein Gespräch mit dem einstigen

Straßenkämpfer und späteren Realo und Außenminister Joschka Fischer

»Fridays for Future
hätte mich angezogen«

Im Plenum des
Deutschen Bundestages

in Bonn (1984). Was denkt
Fischer heute über diese

Bilder?

Joschka Fischer als frisch gewählter Abgeordneter (1983)

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DIE ZEIT: Lassen Sie uns mit zwei Fotos anfangen.
Auf dem einen sieht man einen Typen mit Bom ber­
jacke. Auf dem anderen sitzt derselbe Kerl mit dunk­
ler Brille im Bundestag.
Joschka Fischer: Das sieht radikaler aus, als es tatsäch­
lich war. Warum habe ich Sonnenbrille getragen?
Weil ich völlig überarbeitet war und ein Gerstenkorn
am Auge hatte. Ein Auge war völlig zu.
ZEIT: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie
diese Fotos sehen? Denken Sie an die demonstrieren­
den jungen Leute von heute?
Fischer: Einerseits finde ich das Engagement sehr gut.
Es hieß ja immer, die Jugend engagiert sich nicht.
Greta hat mit ihrer Fridays­for­Future­Initiative Gro­
ßes geleistet. Auf der anderen Seite weiß ich aber um
die Kurzschlussgefahren im Kopf.
ZEIT: Was sind das für Gefahren?
Fischer: Die Welt geht unter, und man muss mög­
lichst radikal handeln. Die Gefahr ist groß, der Ver­
führung durch Gewalt zu erliegen. Man wird ange­
griffen, man wird geschlagen, und das löst gerade bei
jungen Menschen – ich weiß, wovon ich rede – leicht
Kurzschlussreaktionen aus.
ZEIT: Würde der junge Joschka Fischer heute im
Dannenröder Forst auf dem Baum sitzen und gegen
den Bau einer Autobahn protestieren?
Fischer: Ich bin nicht schwindelfrei.
ZEIT: Wären Sie bei Fridays for Future, bei den Grü­
nen – oder ganz woanders?
Fischer: Jetzt verlangen Sie von einem 72­jährigen
vierfachen Großvater, dass er sich vorstellt, wo er
wäre, wenn er noch mal jung wäre.
ZEIT: Wir verlangen, dass er sein Innerstes rauskramt.
Fischer: Die Antwort ist relativ einfach. Eine Be­
wegung wie Fridays for Future hätte mich stark ange­
zogen, ohne jeden Zweifel.
ZEIT: Was daran hätte Sie angezogen?
Fischer: Erst mal die Idee, die dahintersteckt: dass die
junge Generation jetzt handeln muss, weil es sonst zu
spät sein wird. In diesem »jetzt« stecken das Richtige
und das Falsche zugleich, ich kann da nicht von mei­
ner Lebenserfahrung abstrahieren. Der Sofortismus
ist eine große Gefahr. Auf der anderen Seite haben sie
recht. Wenn die Kipppunkte mal erreicht sind ...
ZEIT: ... die Punkte, ab denen die Klimaveränderun­
gen irreversibel sind ...
Fischer: ... dann leben wir in einer völlig anderen
Welt, gegen die es keinen Impfstoff geben wird. Wie
schnell so etwas geht, wie gefährlich es ist, sehen wir
aktuell bei Corona. Ein mikroskopisch kleines Virus
bringt die Weltwirtschaft zum Stillstand und wird
unsere Gesellschaften radikal verändern. Stellen Sie
sich das mal bezogen auf den Klimaschutz vor!
ZEIT: Muss die Katastrophe immer erst da sein, bevor
wir bereit sind zu reagieren?
Fischer: Nicht immer, aber oft – leider. So ist der
Mensch. Das alte Jacke­oder­Hemd­Prinzip; Hemd
näher als die Jacke. Und am Klimaschutz ist halt vieles
sehr abstrakt.
ZEIT: Für die Jugendlichen scheint das gar nicht abs­
trakt zu sein, sondern bedrohlich konkret. Und was
Sie Lebenserfahrung nennen, halten viele der Jungen
für Korrumpiertheit.
Fischer: Meine Erfahrung ist: Ein Radikalismus, der
nicht Rücksicht nimmt und nicht gebunden ist an
einen Interessenausgleich, wird sehr schnell fragwür­
dig. Und korrumpierbar, was heißt das schon?
ZEIT: Na, das heißt: Sie basteln sich eine Ausrede.
Fischer: Es ist keine Ausrede.
ZEIT: Es ist eine scheinbar gute Begründung dafür,
nichts zu tun oder zu wenig zu tun.
Fischer: Nichts zu tun und zu wenig zu tun ist schon
mal ein großer Unterschied in der realen Politik. In
der Vereinbarung von Paris, mit all ihren Schwächen,
sehe ich einen Riesenschritt in die richtige Richtung.
ZEIT: Nur wird das Abkommen von Paris ignoriert.
Fischer: Wenn unsere Regierung das ignoriert, dann
brauche ich ’ne andere Regierung! Die Frage ist also:
Was tue ich, um eine andere Regierung zu bekommen?
Dieser Prozess spielt sich in Vierjahres­ oder noch län­
geren Intervallen ab. Das hat doch nichts mit Korrum­
piertheit zu tun. Was war das für eine Mühsal in den
Neunzigerjahren, eine andere Energiepolitik zu ma­
chen, diese mehrheitsfähig zu machen!
ZEIT: War es nicht nur deshalb möglich, weil vorher
Leute radikal argumentiert haben?
Fischer: Nein! Wo waren die Grünen effektiver für eine
neue Politik – als sie am Bauzaun gerüttelt haben oder
als sie in der Lage waren, in der rot­grünen Regierung
Gesetzentwürfe mehrheitsfähig zu bekommen?
ZEIT: Der Realo Fischer konnte das einsammeln, was
er und andere als Revolutionäre angezettelt hatten.
Fischer: Nein.
ZEIT: Man hätte auch ohne die Anti­Atomkraft­
Bewegung den Ausstieg bekommen?
Fischer: Sie missverstehen mich, weil Sie eine künstli­
che Alternative aufbauen. Dass in einer offenen Ge­
sellschaft neue Probleme artikuliert werden und sich
das politisch auflädt, halte ich als überzeugter Demo­
krat für eine Selbstverständlichkeit. Die Frage ist: Was
machst du draus, wenn es dir gelingt, Hunderttausen­
de oder mehr auf die Straße zu bringen. Was machst
du draus? Was?!
ZEIT: Was würden Sie heute daraus machen?
Fischer: Der nächste konsequente Schritt wäre der
Gang ins Parlament, mehrheitsfähig zu werden und
eine andere Politik durchzusetzen. Aber so habe ich
selbst früher nicht gedacht – deswegen spreche ich
von der Gefahr von Kurzschlüssen, von der Verfüh­
rung durch Radikalismus. Wir sehen doch gerade
innerhalb der EU, in den USA, wohin es führt,
wenn die Rechtsstaatlichkeit, die demokratischen
Prozesse unter Druck geraten, wie wichtig das Insis­
tieren auf die Verfahrensform ist. Und aufgrund
meiner eigenen Erfahrungen sage ich: Leute, Radi­
kalismus führt zur Niederlage einer solchen Protest­
bewegung.
ZEIT: Fridays for Future ist friedlich, nur eben sehr
kompromisslos.
Fischer: Ja, aber ich sehe die Ambivalenz.
ZEIT: Beneiden Sie die Jungen um ihre Radikalität?
Fischer: Nein. Aber verstehen Sie mich nicht falsch:
Die Herausforderungen, die sich durch die Klimakrise
ergeben, werden mit dem Fortschreiten dieser Krise

radikales Handeln immer notwendiger machen. Aber
nicht von Eliten, nicht von einigen wenigen, sondern
Mehrheiten müssen sich bewegen. Das wird nichts
ohne die USA, ohne China, Indien, you name it. Wir
stehen vor einer Herausforderung, die völlig neue Di­
mensionen eröffnet. Die Menschheit muss reagieren.
ZEIT: Der Schriftsteller Jonathan Franzen sagt: Wir
sollten uns eingestehen, dass wir an dieser Herausfor­
derung scheitern. Glauben Sie das auch?
Fischer: Das ist keine Glaubensfrage, das ist eine
Überzeugungsfrage. Ich bin kein Protestant, aber ich
würde Jonathan Franzen den Luther entgegenhalten:
Selbst wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unter­
geht, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.
Oder die Bremer Stadtmusikanten: Was Besseres als
den Tod finden wir allemal. Das ist meine Haltung.
ZEIT: Sie sagen, man muss Mehrheiten im Parlament
suchen. Einige der Klima­Aktivisten tun das und stel­
len Klimalisten auf, um den Grünen bei den Wahlen
Konkurrenz zu machen.
Fischer: Die müssen sich fragen: Wie sinnvoll ist das,
den Grünen Konkurrenz zu machen und ein eh
schon kleines Marktsegment noch kleiner zu machen

und dadurch Chancen auf Regierungshandeln zu
minimieren?
ZEIT: Sie gehören zu denen, die Helmut Schmidts
SPD eine ganze Generation geklaut haben.
Fischer: Ich habe dem Helmut Schmidt keine Gene­
ration geklaut.
ZEIT: Kann das den Grünen jetzt selbst passieren?
Fischer: Nun sind wir nicht mehr im Bereich radi­
kaler Forderungen, radikaler Wünsche, sondern im
Bereich der Real poli tik. Was nützen denn solche
Mandate, wem nützen sie? Sie nützen doch der ande­
ren Seite, wenn sich die Klimabewegung zerlegt.
Dann geht das mit der CDU/CSU nach Hause.
ZEIT: Sprechen Sie mit den Leuten von Fridays for
Future, sagen Sie denen das?
Fischer: Nein. Warum sollte ich?
ZEIT: Es könnte Sie, als Experten für revolutionäre
Stimmung, interessieren. Haben Sie das Gefühl, dass
etwas Revolutionäres in der Luft liegt? Oder vielleicht
eher neues Biedermeier?
Fischer: Ich bin kein Experte für revolutionäre Stim­
mung, lang ist’s her! Nein, das sind Herausforderun­
gen ganz anderer Art. Wir haben damals die Theorien

und Debatten unserer Großväter und Urgroßväter
fortgeführt: Reform oder Revolution, das waren ja
historische Kostüme des 19. und frühen 20. Jahrhun­
derts, die da aus den Schränken geholt wurden! Das
ist der große Unterschied: Fridays for Future konzen­
triert sich auf das Jetzt und die nähere Zukunft, und
zwar aus zwingenden Gründen.
ZEIT: Also würden Sie doch sagen, die machen Real­
poli tik? Es gibt den Vorwurf an die Klima­Aktivisten,
sie hingen eher einer Art Ersatzreligion an.
Fischer: Das halte ich für Krampf! Wer ist denn realis­
tischer: die Klima­Aktivisten mit ihrem pessimisti­
schen Erwartungshorizont oder die großen Ignoran­
ten in manchen Chefetagen und Ministerien? Wenn
ich mir die Entwicklung anschaue, die Dynamik der
Klimakrise, die Geschwindigkeit, dann kann ich nur
sagen: Die Pessimisten waren noch viel zu wenig pes­
simistisch. Es geht alles viel schneller als gedacht.
ZEIT: Kann man Volkspartei sein, Mehrheitspartei, und
gleichzeitig radikal? Also, nicht unbedingt radikal in den
Methoden, aber in dem, was man verändern möchte?
Fischer: Es muss gehen, es wird gehen. Der Druck
dieser Krise wird enorm verändernd wirken.
ZEIT: Finden Sie die Grünen radikal genug?
Fischer: Ich habe mir vorgenommen, zur Partei nichts
zu sagen, das hat seine guten Gründe.
ZEIT: Wir hatten den Eindruck, dass die Grünen
Ihnen in letzter Zeit wieder mehr Spaß machen.
Fischer: Die neue Führung ist sehr gut.
ZEIT: Was gefällt Ihnen an denen?
Fischer: Die Kunst, den Laden aufzustellen und zu­
sammenzuhalten und dennoch nicht inhaltlich zu
verflachen, breitere Zustimmung zu finden. Das
Wachstum der Mitgliedschaft ist ein Anzeichen dafür.
All das kommt nicht einfach so, das ist eine große
Leistung. Muss man anerkennen.
ZEIT: Als Sie damals in Hessen erstmals an die Re­
gierung kamen ...
Fischer: ... hielt die Mehrheit der Partei das Regieren
für Verrat. In Hessen hatten wir die ganze Bundes­
partei gegen uns. Diese Debatte gibt es nicht mehr.
ZEIT: Gerade knirscht es wieder in Hessen. Die grüne
Bewegung ist gegen den Bau einer Autobahn, die die
grüne Partei nicht verhindern kann oder will. Sie ha­
ben 1987 als hessischer Umweltminister den Fortbe­
stand der ersten Koa li tion mit der SPD davon abhän­
gig gemacht, dass die Genehmigung für das Hanauer
Nuklearunternehmen Nukem zurückgenommen wird.
Fischer: Und? Was hat’s gebracht? Vier Jahre CDU!
Die Verkehrswende wird – da muss man kein Prophet
sein – eine der großen Fragen möglicher Koa li tions­
ver hand lungen sein. Das zu balancieren wird ein
politisches Kunststück erzwingen. Wenn Sie in der
Regierung sind, müssen Sie für das ganze Land han­
deln. Da können Sie zu relevanten Interessen nicht
einfach sagen: Interessiert uns nicht.
ZEIT: Sie meinen den Zielkonflikt zwischen Umwelt
und Autoindustrie?
Fischer: Das ist mehr als ein Zielkonflikt. Sie werden
die Interessen der Automobilindustrie und damit
Hunderttausender Beschäftigter nicht einfach igno­
rieren können. Sie müssen Kompromisse suchen.
ZEIT: Die Sorge im Moment ist allerdings nicht, dass
es zu wenig Kompromisse, also eine zu radikale Ver­
kehrswende gibt – sondern dass gar keine kommt.
Fischer: Sie müssen die IG Metall mitnehmen!
ZEIT: Wir haben ein Zitat von Ihnen mitgebracht,
von 1985: »Um das Auto herum gruppiert sich ein
ganzes Gesellschaftsbild, eine bestimmte Art zu leben,
zu arbeiten. Die muss man ändern.« Seitdem sind es
immer mehr Autos geworden.
Fischer: Ja! Und warum? Wegen einer Verschwörung
der Automobilindustrie oder weil sie ein Bedürfnis
gedeckt hat, das offensichtlich massenhaft und global
vorhanden ist?
ZEIT: Hat dieses Bedürfnis dann am Ende mehr recht
als Ihre Worte von damals?
Fischer: Nein, nein, nein! Es zeigt nur die Größe der
Aufgabe. Durch die Massenmotorisierung Chinas hat
unser Land prächtig gelebt, unser Wohlstand ist
dadurch stark gestiegen – zulasten des Weltklimas.
Und diesem Konflikt entkommen Sie nicht durch Ra­
dikalität. Sondern nur durch das mühselige Be ackern
der Ebene, der langen Distanz.
ZEIT: Bloß, je länger man wartet mit den Maßnah­
men gegen die CO₂­Emissionen, desto höher steigt
die Kurve der Emissionen, desto drastischer müssen
die Maßnahmen sein, desto weniger demokratisch.
Fischer: Das ist ein sehr starkes Argument, auf das ich
Ihnen keine Antwort geben kann, außer die Frage:
Was wäre die Alternative?
ZEIT: Vielleicht eine grüne Partei, die stärker wirbt,
so wie Sie damals für das rot­grüne Projekt und den
Einsatz im Kosovo geworben haben. Damals hatten
auch viele Angst vor der Veränderung. Heute sagt die
grüne Partei, ein bisschen so wie Merkel: Was wir
machen, ist schon das Mögliche. Wenn wir nur ein­
mal Veggie­Day sagen, sind wir weg vom Fenster.
Fischer: Ja, das ist ein sehr gutes Beispiel. Der Veggie­
Day ist eine Idee, die die katholische Kirche und ande­
re große Religionsgemeinschaften schon lange hatten:
einmal in der Woche fleischfrei. Das flog der Partei um
die Ohren.
ZEIT: Unterscheidet einen Staatsmann nicht von
einem Politiker, dass er bereit ist, für seine eigenen
Überzeugungen auch um den Preis der eigenen Ab­
oder Nichtwahl einzustehen? Oder ist das Kitsch?
Fischer: Nee, das ist es nicht. Sie müssen nur sehr ge­
nau wissen, wann das gilt, wenn Sie Ihre Handlungs­
möglichkeiten nicht ohne Not aus der Hand geben
wollen. Keine leichte Entscheidung!
ZEIT: Haben Ihre Nachfolger es leichter als Sie, weil
die Grünen inzwischen viel größer sind? Oder schwe­
rer, weil die Lage viel riskanter ist?
Fischer: Das kann man nicht sagen. Mit einem gro­
ßen Industrieland wie Deutschland in der Mitte
Euro pas eine Wende herbeizuführen, in entscheiden­
den Politikfeldern, Energiepolitik, Mobilität, Land­
wirtschaft, Ernährung – das wird für alle Beteiligten
eine Riesenherausforderung. Gleichzeitig ist es eine
wirklich faszinierende Aufgabe.

Die Fragen stellten
Tina Hildebrandt und Elisabeth Raether

22. Oktober 2020 DIE ZEIT No 44POLITIK

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D















ass ein Handy ihr hier in Questenberg nicht
viel bringen wird, wurde Nicole Bloßfeld erst
klar, als sie eines hatte. Im Jahr 2002 war das
und sie war 16 Jahre alt. Smartphones kannte
noch keiner, aber Telefonieren, das ging eben
auch nicht. Wenn sie ihre Freunde erreichen
wollte, hing sie oft aus dem Fenster im ersten
Stock ihres Elternhauses, Oberkörper raus,
Arm lang. Dann wartete sie darauf, dass ein
Signal kam. Und eigentlich wartet sie bis heute.

Es ist ein sonniger Tag im August des Jah-
res 2020, und Nicole Bloßfeld, mittlerweile
34, steht auf dem Hof ihrer Eltern in Ques-
tenberg, einem Dorf mit 125 Einwohnern im
südlichen Sachsen-Anhalt, genau zwischen
Göttingen und Halle. Hinter ihr die Hühner
und der Hund, unter ihr Kopfsteinpflaster,
über ihr das Fenster, aus dem heraus sie auf
Empfang wartete.

»Hier ist kein Netz«, sagt sie, Handy auf
Hüfthöhe. Ein Schritt nach vorn: da auch
nicht. Hand hoch: da schon, ein Balken.
Hand wieder runter: da nicht.

18 Jahre liegen zwischen ihrem jüngeren
Ich und heute. In dieser Zeit ist es möglich
geworden, sich beim Telefonieren mit dem
Handy zu sehen, vom Flugzeug aus im Inter-
net zu surfen und manchmal in der Bahn
Mails zu empfangen. 18 Jahre, in denen die
Welt sogar begonnen hat, über selbstfahrende
Autos zu sprechen. Aber Frau Bloßfeld lebt
immer noch im Funkloch.

Nicole Bloßfeld wirkt wie eine, die dem
Leben eigentlich mit einem aufgeschlossenen
Schulterzucken begegnet. Sie ist in Questen-
berg aufgewachsen. Ihre Ausbildung hat sie
zur Steuerfachangestellten gemacht, in Han-
nover. Dort hat sie sich anfangs erschreckt, als
ihr Handy plötzlich einfach klingelte. Mitten
in der Wohnung.

Vor zwei Jahren kam sie zurück nach Ques-
tenberg, zog mit ihren beiden Kindern in ein
Haus, nur ein paar Hundert Meter entfernt von
ihren Eltern. Sie ist zufrieden hier, eigentlich.
Aber wer sich einmal ans Netz gewöhnt hat, der
gewöhnt sich auch schwerer wieder ans Funk-
loch. »Wir sind doch ein reiches Land«, sagt
Nicole Bloßfeld. »Man kann das doch keinem
erzählen, dass wir noch immer nicht vernünftig
mobil telefonieren können in Questenberg.«

Questenberg gehört zur Gemeinde Südharz.
Die hat 17 Ortsteile mit insgesamt 9300 Ein-
wohnern, die sich auf einer Fläche verteilen, die
so groß ist wie die Insel Malta. Questenberg
liegt in einem Tal zwischen Wald und Bergen,
ziemlich in der Mitte von Deutschland, und
besteht eigentlich nur aus zwei Straßen, die
meist unbefahren sind. Klettert man auf einen
der Gipfel drum herum, kann man das ganze
Dorf überblicken. Holzverkleidete Fassaden,
Backsteinhäuser, Fachwerk. Rote Geranien vor
den Fenstern. Es gibt eine Kirche, eine Gast-
stätte, aber keine Kaufhalle, wie man hier zum
Supermarkt sagt. Montags und donnerstags
kommt das Bäckerauto. Vor der Wende haben
hier fast doppelt so viele Menschen gelebt wie
heute. Von denen, die heute hier wohnen, regen
sich viele über das Funkloch schon gar nicht
mehr auf. Man weiß nicht, ob aus Gewöhnung
oder Resignation.

Seit Jahren verspricht die Bundesregierung,
das Netz weiter auszubauen, auf Gipfeln, in
Strategiepapieren und Absichtserklärungen.
Doch mittlerweile ist dabei oft etwas anderes in
den Vordergrund gerückt: 5G. Das G steht für
Mobilfunkgeneration und meint die Technik,
wie wir Nachrichten und Daten übertragen; die
5 dafür, dass es die neueste ist. Damit sollen

noch schneller noch mehr Daten übertragen
werden können, in Echtzeit. Nötig ist das zum
Beispiel für selbstfahrende Autos. Deutschland,
heißt es in den Erklärungen, soll »Leitmarkt«
für 5G werden.

Nicole Bloßfeld lacht über solche Ziele.
»5G? Ich wäre ja schon froh über Empfang.«

Es ist das Jahr 2020, in der Mitte der In-
dustrienation Deutschland. Wieso steht Ni-
cole Bloßfeld in ihrem Garten und hat, noch
immer, kein Netz?

Wer zum Hörer greift, um das herauszu-
finden, fühlt sich irgendwann auch gefangen
in einer Art Netz. Einem, bei dem man nicht
weiß, wo vorne und hinten ist, und in dem
man sich irgendwann verheddert.

Die Gemeinde
Fragt man Lars Wiechert, warum Nicole Bloß-
feld keinen Empfang hat, sagt der, es sei ganz
klar: »Questenberg hat keinen Funkmast. Und
ohne den können Sie nicht mit dem Mobil-
telefon telefonieren.« Der Bau liege aber nicht
in der Hand der Gemeinde.

Lars Wiechert, 46 Jahre alt, arbeitet bei der
Gemeinde Südharz und ist da für den Mobil-
funk zuständig. Questenberg ist nicht der ein-
zige Ortsteil ohne Mast, auch in den direkten
Nachbarorten gibt es keinen. Der nächste
Mast ist von Questenberg etwa vier Kilometer
entfernt. Seit 15 Jahren, sagt Wiechert, versu-
che er mehr Masten in seine Gemeinde zu
bringen. Zehn Ortsteile haben immer noch
schlechten oder gar keinen Empfang.

Briefe, Anrufe, Mails. Jedes Mal sei er ver-
tröstet worden, mit einer standardisierten
Antwort oder mit einem neuen Ansprech-
partner. »Ein wenig wütend macht das schon,
wenn sich da über Jahre hinweg nichts än-
dert«, sagt Wiechert.

Seine Mails gingen an die drei Netzanbieter
in Deutschland, Telekom, Vo da fone, Telefónica
– denn die seien für den Bau von Masten zu-
ständig. Auch auf Landkreis- und Landesebene
habe er das Thema angesprochen. Die ländlichen
Regionen seien hier, so sieht Lars Wiechert das,
vergessen worden. Warum eigentlich? »Das
müssen Sie die Telekom fragen«, sagt er.

Masten bilden den Mittelpunkt von soge-
nannten Funkzellen – das ist der Bereich, in
dem Handys von diesem einen Mast fehlerfrei
Signale empfangen können. Die Größen der
Funkzellen werden von den Anbietern festge-
legt, abhängig von der Zahl der Nutzer und
der Fläche, die es zu versorgen gilt. In der
Stadt, wo viele Leute auf engem Raum leben,
liegt ihre Reichweite manchmal unter hundert
Metern. Auf dünn besiedeltem ebenem Land
dehnt sich eine Funkzelle oft über mehrere
Kilometer aus.

Die Funkzellen bilden das Netz, Zehntau-
sende von ihnen. Auf Karten, die die Versorgung
zeigen, wird das Netz gern mit sechseckigen
Waben dargestellt, weswegen Karten vom deut-
schen Mobilfunk manchmal aussehen wie ein
zu groß geratenes Siedler-Spiel. Um herauszu-
finden, wo Funklöcher sind, muss man mehre-
re Karten betrachten: die der drei Anbieter und
die der unterschiedlichen Mobilfunkstandards
2G, 3G, 4G, 5G.

Denn Funkloch ist nicht gleich Funkloch:
Manchmal kann man das Gefühl haben, in
einem zu sein, ohne dass es auf einer Karte auf-
tauchen würde – weil zum Beispiel ein Mast
vom falschen Anbieter in der Nähe steht; oder
der Mast nur über 4G sendet, man aber ein
altes Handy hat, das damit nicht kompatibel
ist. Was man aber auf den Siedler-Karten sieht:
Die Waben mit dem schlechten oder keinem
Empfang liegen vor allem dort, wo es wenig
Masten gibt, die Funkzellen groß sind, das
Signal weite Wege zurücklegen muss – auf dem
Land. Also da, wo man sich ohnehin oft ver-
gessen fühlt, weil hier alles eher geschlossen oder
abgebaut wird, statt aufgebaut.

Wenn Nicole Bloßfeld kein Netz hat, liegt
das zuerst mal an den Bergen ringsum, die Funk-
signale von anderen Masten meist schlucken,
weshalb ein eigener notwendig wäre.

Steht Nicole Bloßfeld auf dem Berg, genau-
er dem Questenberg, hat sie Empfang. Eine

Freundin von ihr nicht, die ist bei Vodafone;
Nicole Bloßfeld ist Kundin bei der Telekom –
dem Anbieter, der mit seinen Masten die länd-
lichen Regionen am besten versorgt. »Aber ich
kann doch auch nicht jedes Mal zum Telefonie-
ren auf den Berg klettern«, sagt Nicole Bloßfeld.

Die Telekom
Fragt man Georg von Wagner, warum Frau
Bloßfeld kein Netz habe, betont er zunächst,
dass die Anbieter ja gern noch mehr Masten
auf dem Land bauen würden. Das sei stets
deren erster Gedanke. Aber der zweite sei
eben: Huch, ist das teuer.

Georg von Wagner ist der Sprecher der
Deutschen Telekom AG, des größten Mast-
Bauers. 30.000 Masten der Deutschen Telekom
stehen in Deutschland. Jeder koste 100.000 bis
300.000 Euro. Deswegen würden alle Unter-
nehmen stets zuerst versuchen, ihre Masten in
die Städte zu bauen. »Letztlich ist alles eine wirt-
schaftliche Frage«, sagt von Wagner. 10.000
potenziellen Kunden für einen Mast in Berlin
stünden 125 potenzielle Kunden in Questen-
berg gegenüber, von denen noch nicht einmal
alle bei der Telekom seien.

Nichts zu machen also für Frau Bloßfeld?
Was man zwischen den Worten von Georg

von Wagner heraushört: Vorgaben, wie viele
Masten gebaut werden müssen, könne am
Ende ja der Staat machen.

Das Leben im Funkloch, es ist nicht funda-
mental anders. Aber es sind die vielen kleinen
Dinge, die in Anbetracht der Idee selbstfahren-
der Autos ein bisschen unglaublich wirken.

Nicole Bloßfeld kann meist nicht kurzfris-
tig Bescheid sagen, wenn sie sich zu einer Ver-
abredung verspätet. Eine Fahrradtour mit ih-
ren Kindern plant Nicole Bloßfeld so, dass sie
in Richtung eines Ortes fahren, in dem es
Empfang gibt. Damit das Netz zumindest in
der Nähe ist, falls etwas passiert.

Ein Nachbar, der in Questenberg ein Haus
renoviert und noch kein Festnetz hat, hat seinem
Chef in Halle die Nummer der Gastwirtin
gegeben, falls er ihn dringend erreichen muss.

Eine andere Nachbarin arbeitet von Ques-
tenberg aus als Professorin an einer Fern-Uni in
Sachsen. Einmal am Tag fährt sie ein Dorf
weiter, um die Anrufliste auf ihrem Handy zu
checken.

Eigentlich war Deutschland in Sachen Mo-
bilfunk mal Vorreiter: Die ersten mobilen Tele-
fonate wurden im Jahr 1926 auf der Bahnstrecke
zwischen Berlin und Hamburg geführt. Dreißig
Jahre später richtete die Bundespost hier das
weltweit erste öffentliche und landesweite Mo-
bilfunknetz ein, die erste Generation, damals
noch mit anderer Technik. Das dafür nötige
mobile Endgerät kostete 8000 D-Mark, mehr
als ein VW Käfer. Das zellulare Netz folgte im
Jahr 1985. In der DDR hatte man zu dem Zeit-
punkt noch nicht einmal überall Festnetztele-
fone. In Questenberg gab es nur eine Handvoll:
beim Bürgermeister, der Post, der Gemeinde,
bei ein paar Privatleuten. Nach der Wende be-
kamen dann alle im Dorf nach und nach Fest-
netz, deswegen fehlte vielen der Mobilfunk
überhaupt nicht. Erst mal.

Der Landespolitiker
Fragt man Hendrik Lange, warum Frau Bloßfeld
kein Netz hat, kommt er ins Reden. Er sitzt für
die Linke im Landtag von Sachsen-Anhalt, ist
deren Sprecher für Netzpolitik und kann einem
eine ganze Liste von Funklöchern in seinem
Land vorlesen. »Dass man zum Telefonieren auf
einen Berg gehen muss, wie in Questenberg, in
einer Industrienation wie Deutschland – das ist
eine Katastrophe«, sagt Lange.

Worin er das Problem sieht: Der Staat mache
den Unternehmen nicht genug Vorschriften.
Oder die falschen. Man hätte, findet Hendrik
Lange, nationales Roaming einführen müssen,
damit die Leute mit ihrem Handy auch das Netz
von anderen Anbietern nutzen können – wobei
dies auch in Questenberg nicht viel nutzen
würde, wo keiner der Anbieter aktiv ist. Seiner
Meinung nach müsste der Staat die Unterneh-
men zum Bau von mehr Masten verpflichten.
Ihnen Auflagen erteilen, die sich nicht an der

Versorgung einer bestimmten Anzahl an Haus-
halten orientieren, wie bisher, sondern an der
Fläche – damit das Netz auch in Questenberg
ankommt. Klingt ja erst mal einleuchtend.
Warum ist das nicht passiert? »Da müssen Sie
die Bundesnetzagentur fragen, die legt das fest.«

Die Bundesnetzagentur ist eine Verwaltungs-
behörde des Bundes, dem Wirtschaftsministe-
rium unterstellt. Eine ihrer wichtigsten Aufga-
ben: Sie hat die Hoheit über die Frequenzen.
Die sind so etwas wie der Rohstoff des Mobil-
funks, nur auf den von der Agentur verpachte-
ten Frequenzen können die Telefonanbieter ihre
Signale hin und her schicken. Frequenzen sind
physikalisch begrenzt, es gibt nicht unendlich
viele, deswegen werden sie von der Bundesnetz-
agentur alle paar Jahre versteigert. Für viel Geld
und mit der Auflage, eine bestimmte Versorgung
zu gewährleisten. Auch wenn diese Auflagen für
den Politiker Lange immer noch nicht weit
genug gehen – in den vergangenen Jahren sind
sie schon viel strenger geworden: Bei der ersten
Auktion im Jahr 2000 mussten sich die Netz-
betreiber nur verpflichten, die Hälfte der Bevöl-
kerung zu versorgen. Bei der Auktion im Som-
mer 2015 war die Auflage, bis 2020 bundesweit
98 Prozent der Haushalte zu versorgen (bislang
haben die Anbieter dies noch nicht erfüllt). Bei
der letzten Auktion im Sommer 2019 dann, bei
der die Frequenzen für 5G versteigert wurden,
wurden die Unternehmen verpflichtet, das Netz
an die wichtigsten Straßen, Gleise und 98 Pro-
zent der Haushalte pro Bundesland zu bauen,
bis Ende 2022. Doch selbst wenn all diese Auf-
lagen erfüllt sein werden, das sagt das Bundes-
verkehrsministerium, werde es noch etwa 4400
Funklöcher in Deutschland geben. Dabei zählt
das Ministerium nur die Funklöcher, in denen
auch Menschen wohnen.

Die Bundesnetzagentur
Fragt man Fiete Wulff, warum Frau Bloßfeld
kein Netz hat, sagt er: »Behördenhandeln muss
verhältnismäßig sein.« Er ist der Sprecher der
Bundesnetzagentur und verteidigt die Auflagen.
Heute stünden in Deutschland etwa 75.000
Masten. Wolle man zum Beispiel 100 Prozent
der Fläche mit den 5G-Frequenzen versorgen,
also wirklich jeden Wald und jedes Feld, müsse
man mehrere Hunderttausend neue aufstellen.
Es gehe nicht nur darum, was politisch gewollt,
sondern was technisch wie wirtschaftlich mach-
bar sei. Und auch juristisch. Sie würden ohnehin
schon für ihre Auflagen von den Anbietern vor
Gericht verklagt. »Wir können als Behörde die
Unternehmen nicht zu einem Minusgeschäft
zwingen.«

Also wirklich nichts zu machen für Frau
Bloßfeld? »Es gibt in Deutschland abgelegene
Regionen, in denen es kein gutes Netz gibt, weil
es einfach nicht wirtschaftlich ist«, sagt er. »Das
politische Ziel, diesen Rest zu erreichen, wird
auch politisch gelöst, von der Regierung.«

Nicole Bloßfeld sitzt mit ihren Eltern auf
deren Hof. Er ist Bauarbeiter, sie ist Bestatte-
rin, dazu kümmern sich beide um ein biss-
chen Land und ihre Tiere.

Wenn die Mutter bei ihren Klienten ist und
mal schnell etwas mit der Trauerrednerin oder
der Floristin besprechen will, muss sie öfter
nachfragen, ob sie kurz deren Festnetz nutzen
könne. Der Vater hätte neulich beinahe eine
Kuh allein auf die Welt gebracht, weil die
plötzlich mitten auf dem Feld zu kalben be-
gann. Der Sohn ist mit dem Auto in Richtung
Empfang gefahren, hat den Tierarzt angerufen
und dann auch gleich abgeholt.

Kürzlich, erzählt Nicole Bloßfeld, hatte sie
bei sich zu Hause im Innenhof Empfang. Die
Mutter guckt skeptisch. Doch, doch, betont die
Tochter, wirklich. »Warste stolz?«, fragt der Vater
und lacht. Das nicht, sagt Nicole Bloßfeld: »Ich
konnte es nur nicht fassen.« Das funktioniere
aber nur an Tagen mit wirklich gutem Wetter.

Es gibt in Questenberg allerdings auch
manche, die das Funkloch gut finden, die sa-
gen, sie wollen es genau so haben, die Ruhe
genießen. Damit versuchen sich Anbieter
und Politik manchmal rauszureden, dass da ja
überhaupt gar nicht so viel Sehnsucht sei. Die

Mutter regt so was auf: »Bei Wasser wird doch
auch nicht diskutiert, möchtest du das, oder
möchtest du das nicht?«, sagt sie.

Mobilfunk als Daseinsvorsorge. Das for-
dern auch manche Politiker.

Alle paar Jahre sorgen Studien für Empö-
rung, die Deutschlands Mobilfunknetz im in-
ternationalen Vergleich eine schlechte Note
geben. Hinzu kommen persönliche Urlaubs-
erfahrungen und Bundeswirtschaftsminister
Peter Altmaier, der vor zwei Jahren erklärte,
dass er von seinem Auto aus nicht mehr seine
ausländischen Ministerkollegen anrufe, weil
ihm die deutschen Funklöcher »total peinlich«
seien. Man muss der Fairness halber sagen: Ob
das Netz so schlecht ist wie sein Ruf, weiß
man nicht. Den Urlaub verbringen die meis-
ten in touristisch gut ausgebauten Orten, und
Peter Altmaier lässt sich sicher in einem gut
gepanzerten Dienstwagen durch die Gegend
chauffieren. Und trotzdem, mit Leitmarkt ist
da bislang nichts, eher Mittelfeld, höchstens.

Versucht man herauszufinden, was da ei-
gentlich schiefgelaufen ist, stößt man auf noch
viel mehr Gründe als unzureichende Mast-
Auflagen: Bürokratie; Denkmalverordnungen;
Bürgerinitiativen, die Angst vor Strahlung ha-
ben; das gut ausgebaute Festnetz, weshalb der
Mobilfunk hier nicht so dringlich war wie in
anderen Ländern. Was man öfter hört: dass die
politisch Verantwortlichen lange geschlafen
hätten. Politisch verantwortlich für den Mobil-
funk ist das Bundesverkehrsministerium, seit
2009 in CSU-Hand.

Das Bundesverkehrsministerium
Im Ministerium beantwortet man Anfragen
lieber schriftlich als telefonisch. Und das klingt
dann wie: Was heiße hier, es passiere nichts,
jetzt passiere doch was. Die Versprechen seitens
des Bundes sind viele: Es gab Mobilfunkgipfel,
aus denen eine Mobilfunkstrategie hervorge-
gangen ist, zu der unter anderem die Gründung
einer Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft ge-
hört. Genehmigungen für den Mastbau sollen
schneller erteilt werden. Eine Kommunikati-
onsstrategie soll gestartet werden für die Bürger-
initiativen. Für die Schließung der 4400 weißen
Flecken braucht es laut einer Studie des Mi-
nisteriums an die 5000 Masten – das soll mit
1,1 Milliarden Euro gefördert werden, die also
an die Anbieter fließen.

Das Versprechen des Ministeriums geht über
die bisherigen Auflagen für die Anbieter hinaus:
Bis Ende 2021 sollen 99 Prozent der Haushalte
in jedem Bundesland versorgt sein. Experten
bezweifeln, dass sich das so schnell machen lässt.

Generell, schreibt das Ministerium in seiner
Mail, sei die Mobilfunkversorgung keine staat-
liche, sondern eine privatwirtschaftliche Auf-
gabe. Die öffentliche Hand sei da gefordert, wo
der Markt versage.

Gewissermaßen tut er das doch in Ques-
tenberg?

Deswegen habe es bei den letzten Auktio-
nen ja strengere Auflagen gegeben.

Aber warum hat Frau Bloßfeld immer
noch kein Netz?

»Das kann von verschiedenen Faktoren ab-
hängen«, heißt es. »Im Einzelfall können diese
Frage aber nur die Netzanbieter beantworten.«
Das bedeutet, zum Beispiel: die Telekom.

Auch wenn es wohl noch eine Weile dauert,
bis die letzten Funklöcher geschlossen werden:
In Questenberg sieht es seit Kurzem so aus, als
ob das nun doch passieren wird. Die Gemeinde
hat sich bei der Telekom-Initiative »Wir jagen
Funklöcher« beworben. Die wendet sich an
Kommunen, die beim Mastausbau bisher
durchs marktwirtschaftliche Raster fallen. Man
habe Schlösser, eine Höhle, Wanderwege, Seen,
sei ein attraktiver Wohn- und Tourismusstand-
ort, der erhalten bleiben müsse, man sei also
dringend auf Hilfe angewiesen, heißt es in der
Bewerbung der Gemeinde Südharz. Sie hat für
mehrere Ortsteile den Zuschlag bekommen.

Läuft alles nach Plan, wird Nicole Bloßfeld
nächstes Jahr ein Netz haben. Vielleicht mittels
Mast, im Gespräch ist aber auch eine Antenne.
Sie soll dann auf dem Kirchturm stehen. Man
würde sie von dem Fenster in Nicole Bloßfelds
Elternhaus aus sehen.

64 E N T D E C K E N 22. Oktober 2020 DIE ZEIT No 44

Neulich hatte sie im
Innenhof Empfang.
Das gehe aber nur bei
wirklich gutem Wetter

Illustration: Max Baitinger für DIE ZEIT

Page 65

65E N T D E C K E N

Wer
sind Sie?

Victoria Jung porträtiert hier Menschen, die ihr im Alltag begegnen. Protokoll: Caroline Weigele

Ende letzten Jahres habe ich ein
paar Monate in Nizza verbracht.
Ich habe noch nie so viele Leute in
der Öffentlichkeit streiten sehen.
Die Emotionen kochten in einigen
Situationen schnell hoch. Einmal
haben sich zwei ältere Herren in
der U-Bahn wegen eines Sitzplatzes
gegenseitig beschimpft und sich
dann mit ihren Stöcken darum
geprügelt. Wenn ich in Deutsch-
land bin, ist es meistens umgekehrt,
da bin ich die Impulsive, bei
Diskussionen zum Beispiel. Ich bin
zwar weder besonders wortgewandt
noch schlagfertig. Aber wenn ich
Dinge falsch finde, muss ich
einfach etwas sagen, auch wenn ich
nicht immer die richtigen Worte
finde. Klar, ich explodiere nicht
gleich, aber hinterher denke ich
oft: »Da hättest du dich differen-
zierter ausdrücken müssen.« Trotz-
dem finde ich es besser, als sich
später vorzuwerfen: »Hättest du
nur was gesagt.«

Manuela Mambingo, 25,
ist Studentin und lebt in Bochum

Gezeichnet von Mrzyk & Moriceau

Eine Sex-KolumnePAARWEISE

Nr. 12

Einkaufsschmerz
ALARD VON KITTLITZ ENTDECKT

Hier entdecken jede Woche im Wechsel: Francesco Giammarco,
Alard von Kittlitz, Anna Mayr und Nina Pauer

Warum es nicht immer nur wünschenswert ist,
beim Shoppen Champagner gereicht zu bekommen

Z
u den vielen seltsamen Blüten, die
unser Wirtschaftssystem treibt,
gehört ja wohl die Tatsache, dass
man sich für tausend Euro entwe-
der zweihundert T-Shirts kaufen

kann oder halt nur eins. Der Kapitalismus
produziert Dinge, die sich naiv betrachtet
kaum unterscheiden, zu immens unter-
schiedlichen Preisen. Immerhin, und das
hilft bei der Entscheidung zwischen solch
extremen Polen, ist für den Konsumenten
eine Richtung vorgesehen. Wenn alles so
läuft wie von der unsichtbaren Hand ge-
steuert, bewegt man sich im Laufe seines
marktwirtschaftlichen Daseins also allmäh-
lich von der Perversion à la baisse in Rich-
tung der Perversion à la hausse.

Auf der kleinen Strecke jenes langen Mar-
sches von H&M zu Hermès, die ich selbst
bislang zurückzulegen vermochte, ist mir auf-
gefallen, dass der steigende Preis für die gleiche
Sache immer auch durch die Behandlung des
Kunden im Laden legitimiert werden soll.
Wobei unsere experience in allen Ketten, von
Ikea bis Ligne Roset, natürlich von irgend-
welchen Managern bis ins Detail durchdesignt
und nie persönlich ist. Ich war schon in
Geschäften, da wurde mir Champagner an-
geboten, bevor ich überhaupt irgendwas ge-
kauft hatte. (Ich war sogar schon in Geschäf-
ten, weil mir Champagner angeboten wurde,
bevor ich nichts kaufte.) Der Champagner
war, klar, nicht für mich, Alard, sondern ein
Angebot, das zu machen die Verkäufer ange-
wiesen worden waren, egal, wie sehr oder wie
wenig ihnen meine Visage passte.

In solchen Geschäften – wo Hosen zum
Preis eines Gebrauchtwagens verkauft werden
oder Stühle zum Preis von hundert Stühlen
– gibt es für zartfühlende Menschen un ter-
dessen immer ein Problem. Dem Kunden wie
dem Verkäufer ist offensichtlich, dass der eine
reich genug ist, sein Geld in Dinge zu inves-
tieren, deren Wert eigentlich imaginiert ist,
wohingegen die Präsenz des anderen einer
Funktion geschuldet ist, die seine relative
Armut unleugbar macht. Über diesen Ab-
grund hilft keine Schulung des Personals
hinweg, es geht von der Situation einfach ein
Hautgout aus. Am ästhetisch unzweideu-
tigsten ist vielleicht der Umgang der wirklich
schrecklichen Menschen, die den Verkäufern
mit totaler Gleichgültigkeit begegnen oder ein

devotes Herumscharwenzeln erwarten, das die
Ungleichheit der Verhältnisse immerhin nicht
beschönigen will. Ganz scheußlich ist es un-
terdessen, wenn Verkäufer und Kunde »ent-
spannt« sein sollen und so etwas Seltsames
entstehen soll wie eine persönliche Beziehung
zwischen dem unterbezahlten Angestellten
und dessen überbezahltem Kunden.

Es ist unendlich viel angenehmer, in
billigen Läden einzukaufen, als in teuren. Als
Kunde eines Discounters begegnet man dem
Personal in der Regel auf Augenhöhe. Jeder
der Anwesenden kann sich die angebotene
Ware leisten, es herrscht eine egalitäre, kalte,
lieblose, geschäftsmäßige Atmosphäre. Der
feilgebotene Tand ist, alle wissen das, im
Grunde wertlos, die Beziehung zwischen Ver-
käufer und Kunde ist das mithin ebenso, zu-
mal sich ja sagen ließe, dass keiner der An-
wesen den freiwillig an diesem Ort ist. »Ich
wünsche Ihnen ein schönes Wochenende«, ja,
ganz bestimmt, ein ganz inniger Wunsch.

Kaufen tut in der Anonymität des Internets
am wenigsten weh, aber das Internet tötet
bekanntlich die kleinen, privat geführten
Geschäfte, und das sind die Orte, an denen
das Kaufen am zweitwenigsten wehtut, schon
allein deswegen, weil man dort hoffen darf,
dass der Verkäufer nicht in vollkommener
Entfremdung schuftet. Neulich bekam ich von
so einem kleinen Laden um die Ecke eine
handgeschriebene Postkarte zum Geburtstag.
Ich freute mich nicht so richtig drüber. Der
kleinliche, in linker Dialektik gedrillte Krittler
in mir hatte sofort etwas daran auszusetzen.
Aha, dachte ich mir, hier werden die Verhält-
nisse vermischt, was Geschäft ist, soll wie
Freundschaft anmuten, und bald wird, was
wie Freundschaft anmutet, dann auch bloß als
Geschäft gedacht sein.

Ich bin, wenn ich es lange genug be-
denke, eigentlich dafür, dass alle Ketten
abgeschafft werden, das Internet ebenso. Es
soll von mir aus nur noch Einheitsware
geben, verkauft in kleinen, dysfunktionalen
Geschäften. Ich wünsche weiter, dass die
Verkäufer mir dort mit jener vollkommenen
Gleichgültigkeit begegnen, die sie mir ge-
genüber tatsächlich empfinden. Ohne je da
gewesen zu sein, möchte ich offenbar lieber
in Nordkorea einkaufen gehen als im Shop-
pingparadies Deutschland, was ist bloß los
mit mir.

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