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TitleAssmann Glück und Weisheit im alten Ägypten 1994
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J A N A S S M A N N

Glück und Weisheit im Alten Ägypten

1. Das Glück und das Fest - die Aporien des
Glücks

Der übliche Weg zur Ermittlung eines Glücksbegriffs ist der
sprachliche. Man fragt nach Wörtern für "Glück". Die gro­
ßen Artikel von Robert Spaemann in Ritters Historischem
Wörterbuch der Philosophie^ und von R. Holte im Real­
lexikon für Antike und Christentum1 beginnen beide mit ety­
mologischen und begrifflichen Analysen des griechischen
Worts eu5ai(j,ovia. Für das Ägyptische verbietet sich dieser
Weg. Es gibt kein Wort, das man eindeutig mit "Glück"
übersetzen könnte, und im Lexikon der Ägyptologie fehlt ein
entsprechendes Stichwort. Wir müssen also in Ermangelung
eines ägyptischen Lexems von einem Begriff von Glück
ausgehen, den wir im Sinne einer anthropologischen Uni­
versalie als interkulturell gültig voraussetzen dürfen. Ich
möchte das in zwei Anläufen versuchen. In einem ersten
Anlauf gehe ich von der Empfindung des Glücks aus, also
vom Glücklichsein als einem subjektiven Zustand, im
zweiten von der Vorstellung des Glücks als dem Inbegriff
dessen, was man sich in Ägypten von den Göttern wünscht
und von der Zukunft erhofft.

Unter Glück verstehen wir einen subjektiven Zustand.
Viel entscheidender als die äußeren Umstände, die konven­
tionellerweise als glücklich eingestuft werden, ist die Frage,
ob der Betroffene selbst in ihnen und durch sie glücklich ist.
Glück ist daher weniger ein Zustand als vielmehr eine

Originalveröffentlichung A.Bellebaum (Hrsg.), Vom guten Leben. Glücksvorstellungen in
Hochkulturen, Berlin 1994, S. 17-57

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Empfindung: die Empfindung eines Befindens. Darin liegt
das zweite Paradox des Glücks. Es gibt keine dauerhaften
Empfindungen. Empfindungen sind keine Zustände. Sie
kommen und gehen. Das Glück hat, wenn man es denn als
Zustand verstehen will, den Charakter eines Ausnahme­
zustands. Der Gedanke eines unablässigen Genießens läuft
der menschlichen Konstitution zuwider und drängt schon
aus seiner inneren Logik heraus ins Jenseitige. Nur Götter
sind dazu imstande, und in Ägypten auch die Toten. In
dieser Hinsicht ähneln sich das Glück und das Fest. Man
kann ebensowenig in einem unaufhörlichen Fest leben wie
in einem andauernden Glück. Weder Glück noch Fest sind
den Menschen als Dauerzustand erlebbar. Daher tendiert die
Hoffnung auf Glück, wie Wolfgang Bauer in seinem schö­
nen Buch das für China gezeigt hat, dazu, das Glück in
einen utopischen Raum zu verlegen.3 Viele Völker stellten
sich die Götter als dauerhaft glücklich und in einem stän­
digen Fest begriffen vor, oder sie malten sich das Leben
nach dem Tode als dauerhaft festlich aus, wie etwa die
Etrusker und auch die Ägypter, die sich von einer be­
stimmten Zeit an in ihren Gräbern in festlicher Kleidung,
erkenntlich an dem auf dem Kopf getragenen Salbkegel,
darstellen ließen.

Nun ist aber das Fest etwas, das auch im Diesseits ge­
feiert werden muß, ganz unabhängig davon, wie man sich
das Jenseits vorstellt. Unabhängig von der Hoffnung auf ein
Dauerfest nach dem Tode muß die Aufmerksamkeit der Le­
benden sich auf die Festzeiten dieser Welt richten. Dasselbe
gilt auch für das Glück: es ist nicht nur eine Sache der Hoff­
nung auf Dauer, sondern auch der Aufmerksamkeit auf den
flüchtigen Augenblick. Diese Aufmerksamkeit will gelernt
sein. Es liegt eine hohe Weisheit darin, das Glück aus dem

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keit, Wohltätigkeit, Gehorsam, Aufmerksamkeit, Geduld,
Verständnis, Verantwortung ­ alles Tugenden der Konnek­
tivität, konnektive Tugenden, die den Einzelnen einbinden
und den Zusammenhang stärken, Gemeinschaft und Ein­
tracht fördern. Der Ägypter faßt das alles unter dem Begriff
der Maat zusammen, der Ordnung des Zusammenlebens, der
"konnektiven Gerechtigkeit". Der Einzelne ist gehalten, die­
se Ordnung zu befördern, indem er die Maat tut und sagt,
d.h. indem er sich in seinem Tun und Sprechen konnektiv
verhält.

Das konnektive Glück, wenn ich dieses Konzept einmal
so ausdrücken darf, bedeutet Eingebundenheit in die Ge­
meinschaft, wie sie sich zu Lebzeiten als Beliebtheit, Ge­
ehrtheit und Gunst bei Mitmenschen und beim König
äußert, und nach dem Tod als Unvergessenheit bei den Mit­
menschen und Versorgtheit bei den Göttern. Zum vollen
Glück gehört also von Anfang an und bis zuletzt der Besitz
eines "schönen Begräbnisses", äg. qrst nfrt und griechisch
xcMpn. a y a^T| .

In der Lehre des Ptahhotep, der ältesten und bedeutend­
sten ägyptischen Weisheitslehre, wird klargestellt, daß es
kein Glück und keinen Erfolg außerhalb der Maat und ihrer
"Gesetze" gibt.23 Auch hier wird bereits eingeräumt, daß der
Böse, d.h. der Habgierige, der Egoist, der unsolidarisch bzw.
diskonnektiv Handelnde zwar durchaus Erfolg haben, d.h.
"Schätze zusammenraffen" kann, daß ihm aber beim Tod
nichts davon bleibt. Er hat keinen Erben, keine Angehöri­
gen, die für seine Fortdauer nach dem Tode sorgen könnten.

Wenn du ein Mann in leitender Stellung bist,
der Vielen Befehle gibt,
dann strebe fortwährend nach richtigem Handeln,

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bis dein Verhalten ohne Fehl ist.
Groß ist die Ma'at, dauernd und wirksam2 4 ,

sie wurde nicht gestört seit der Zeit des Osiris.25

Man bestraft den, der ihre26 Gesetze übertritt,
aber dem Habgierigen erscheint das als etwas Fernes.

Die Gemeinheit rafft zwar Schätze zusammen,
aber niemals ist das Unrecht gelandet und hat
überdauert.
Wenn das Ende da ist, dauert (allein) die Ma'at,
so daß ein Mann sagen kann: 'das ist die Habe meines
Vaters'. 2?

Und selbst wenn es Angehörige gäbe, so würden sie nichts
erben, weil unrecht erworbenes Gut nicht vererbt werden
kann.

Die Schätze des Rechtsbrechers ( j z f t j ) vermögen nicht
zu überdauern,
seine Kinder finden keinen Vorrat.
Wer unrechtmäßig vorgeht, am Ende seines Lebens
werden keine Kinder von ihm da sein mit
'Herzensbindung' {tkn-jb).
Wer sich zu beherrschen versteht, besitzt Angehörige,
aber der Haltlose (tff hMj "dessen Herz herausgerissen
ist") hat keinen Erben. 28

Das höchste Glück besteht darin, nicht nur auf Erden ein
langes Leben in Gesundheit, Unversehrtheit, Reichtum, Ge­
meinschaft und Erfolg zu verbringen, sondern nach dem
Tod im Grabe fortzudauern. Dieses Glück wird nur dem zu­
teil, der Angehörige mit "Herzensbindung" besitzt. Solches
Glück kann sich nur derjenige erwerben, der sich konnektiv

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Referent zeichnete die Entwicklung des Priestertums unter
dem Vorzeichen einer fortschreitenden Professionalisierung
nach. Träger der Frömmigkeit seien ursprünglich mittlere
Verwaltungsbeamte im Umkreis der Tempel gewesen. Erst
die späteren ägyptischen Texte legten Zeugnis vom Berufs­
priestertum ab, das ausgehend von der Wohnsituation im
Tempel zunehmend einen insulareren Charakter angenom­
men hätte. Anfang des letzten Jahrtausends schlage es
"protoklösterliche" Wege ein. Mit der Professionalisierung
gehe die Amtserblichkeit einher. Herodot beschreibe das
Priesterwesen als Kastenwesen.

Zum anderen konzentrierte sich das Interesse und
Augenmerk der an der Aussprache beteiligten Tagungsteil­
nehmer auf die ägyptischen Glücksgüter ("Langes Leben",
"Reichtum", "Gute Nachkommenschaft", "Gutes Begräb­
nis"). In Weiterung dieses Ansatzes wurden die Fragen auf­
geworfen, ob der Ägypter ein "Glück im Jenseits", das
"Glück der Wunschlosigkeit" sowie "göttliches Glück"
reflektiere. Bezüglich des jenseitigen Glücks knüpfte der
Referent an bildlichen Darstellungen an, die zeigen würden,
wie der Grabherr sich nach dem Tode vergnüge. In Anleh­
nung an Vehlens "Theorie der feinen Leute" deutete der
Referent es als eine Form der Mußekultur. Das "Glück im
Jenseits" erfülle sich eben in der Fähigkeit zur Mußekultur,
die in Festgewändern und Festtrachten sinnenfällig ihren
Ausdruck finde.

Auf das "Glück der Wunschlosigkeit" konnte der Re­
ferent alsdann nicht so dezidiert eingehen, da es in etwa
5000 Texten nur einmal erwähnt werde. Einstweilen fehle
die Möglichkeit abzuschätzen, wohin dieser Text gehöre.
Textkritische Fragestellungen, wie: Handle es sich um eine
besondere Gruppe, die solche Anschauungen entwickelte

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oder um ein Gegenmodell oder sei der Gedanke nur in einer
bestimmten Phase zu lokalisieren und danach wieder ver­
lorengegangen ­ seien noch nicht in der Forschung geklärt
und weiterzuverfolgen.

Das "göttliche Glück" entfaltete der Referent letztlich am
Gegenbild der griechischen Götter. Während von den
griechischen Göttern vielfach Affären überliefert würden,
seien die ägyptischen Götter voll damit ausgelastet, die Welt
in Gang zu halten. Das Glück der Götter bestehe darin, daß
ihnen dieses Werk gelingen würde. Beredtes Zeugnis von
den damit einhergehenden Empfindungen legten die Hym­
nen ab, so werde in ihnen vielfach von der Herzensweite der
Götter gesprochen.

Einige Teilnehmer erinnerten in puncto "Glücksgüter" an
vergleichbare Einsichten in ganz anderen kulturellen Kon­
texten. So zog ein Diskutant die Linie zur Nikomachischen
Ethik, ein anderer Diskussionsteilnehmer zeigte die gedank­
liche Nähe zwischen Philon von Alexandrien und der grie­
chischen Stoa auf. Ungeachtet der Möglichkeit, daß Kon­
takte über griechische Ägyptenreisende gut möglich ge­
wesen seien, wies der Referent grundsätzlich auf die
interkulturelle Tradition der Weisheitstexte hin. Israeliter,
Ägypter, Babylonier seien seit Jahrhunderten sich sehr nahe
gewesen. Man könne nach heutigem Wissen davon aus­
gehen, daß sich in diesem Raum eine Grundanschauung
durchgesetzt habe. Die auf diesem Hintergrund einsetzende
Theoretisierung müsse als Produkt späterer Entwicklungs­
phasen angesehen werden.

Klaus Barheier

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